Konzerthaus, Großer Saal: Cerha Requiem - Uraufführung
RSO Wien, Slowakischer Philharmonischer Chor, Iris Vermillion (Mezzosopran), Wojtek Drabowicz (Bariton), Dirigent: Bertrand de Billy
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| Programmheft zur Uraufführung von Cerhas Requiem im Wiener Konzerthaus 2004 |
Denn dieses Risiko, finde ich, war kein Geringes. Aber so sehr auch der Mensch in seiner existentiellen Not im Mittelpunkt dieses Werkes steht, die musikalische Sprache Cerhas könnte nicht selbstbewusster sein. Er verdichtete sein kompositorisches Wissen zu einer zeitlosen Moderne, getragen von einem Mahler'schen Gestus des Abschiednehmens.
Cerha hat die lateinischen Texte des Requiems (ähnlich wie Britten in seinem War Requiem) mit kurzen lyrischen Texten ergänzt. Cerha vertont hier Cerha, lyrische Notizen aus den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, Nachwehen des zweiten Weltkrieges und von Selbst-Erlebtem. Derart treten Mezzosopran und Bariton immer wieder kurz dem Chor gegenüber, dem Bitten und Flehen der Menschheit. Gerahmt wird das Requiem von einem fulminanten "Introitus & Libera me", aus der Tiefe emporsteigend, mit nervenzerfetzendem Miteinander und Gegeneinander der Frauen- und Männerstimmen, von einem abschließenden "Libera me & lux aeterna", in dem sich ein lange adagiohafte Streicherpassage gegen Ende wie ein Schleier von sanfter Traurigkeit einem über die Seele legt.
Diese beiden Teile, Nummer I und Nummer XVII, bilden die Klammer, zwischen der das Geschehen wogt, zwischen der die Solisten mit ihren kurzen, ariosen Teilen durch das Leben wandern. Sie geben dabei dem eigenen Selbst in deutscher Sprache die Themen vor, die der abendländischen Menschheit, in einem formelhaftem Latein gesungen, gemeinsames Anliegen sind. Sie werden begleitet von einem traurigen "Lacrimosa", von abbrechenden, herzschlaggleichen Passagen, die plötzlich stillstehen, sobald sich ihre Zeit erfüllt hat. Die Grundierung aber ist von einer fast spätromantisch zu nennenden Sehnsucht, die sich keine Rettung weiß.
Dabei schleicht sich allerdings ein wenig von jener Schwermut ein, der sich eine malträtierte Kriegsjugend in den ersten Nachkriegsjahren unausgesprochen gegenüber sah - und die ihre seelischen Verletzungen bis heute nicht mehr losgeworden ist. Das mag das Verständnis erschweren und mancher könnte sich an Cerhas eigenen Versen stoßen, die in ihrer symbolisch-übersteigerten Machart im Nachempfinden Trakl'scher und Celan'scher Verrätselung um eine Verbalisierung des eigenen Selbst ringen. Dass Cerha sie ausgewählt und vertont hat, verdeutlicht den zeitlichen Rahmen, den dieses "Requiem" umspannt. Es ist ein Werk, das erst diachron gehört seine volle Wirkungskraft entfaltet.
Der Komponist hat angemerkt - wie im Programmheft nachzulesen ist - dieses Werk sei sein "opus summum". Was soll man dem noch hinzufügen?
Dem Publikum im ausverkauften Konzerthaussaal war das Besondere dieses Abends wohl anzumerken. Die Atmosphäre war voller gespannter Erwartung, der dankbare Jubel nachher groß. Cerha selbst kam auf das Podium und dankte."

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